Mittwoch, 28. Oktober 2009

Ironwoman

Mein letzter Zug fährt um 23.00 vom Hauptbahnhof ab. Ich kann aber auch noch 3 Stationen weiter einsteigen (in den gleichen Zug und zwar um 23.10). Das hängt dann immer davon ab, wo gerade ich in der Stadt bin und welche Haltestelle näher ist.

Heute war ich beim deutschen Stammtisch (ein paar Deutsche und Österreicher und viele Tschechen, die sich auf Deutsch unterhalten und leicht betrinken). Ich hatte vor, mit dem letzten Zug nach Hause zu fahren (morgen ist auch Feiertag, also habe ich es mir erlaubt). Ich hatte auch vor, rechtzeitig (ganz ungewöhnlich für mich) aufzubrechen (um 22.30) und ganz entspannt meinen Zug in Brno Kralovo Pole um 23.10 zu erreichen. So war es geplant.

Und die Realität:
Ich habe sogar noch vor 22.30 meine sieben Sachen gepackt (auch ungewöhnlich). Es war dort eine blinde Frau und ich wollte (eindeutig Zwangsverhalten) noch schnell ihren Hund streicheln. Sie hat mich dabei gefragt, ob ich sie zur Straßenbahn bringen kann ("Klar, warum nicht?") und ob wir unterwegs ihren Hund noch kurz laufen lassen können, dass er pinkeln kann. ("Ja, natürlich.") Schon der Hund hat sich beim Pinkeln ziemlich Zeit genommen und dann haben wir uns Richtung Straßenbahnhaltestelle begeben. (Spaziertempo) Dort angekommen ("Mist, schon 22.50!") habe ich überlegt, ob ich meinen Zug überhaupt noch schaffen kann. (ab jetzt total gewöhnlich bei mir - immer zu spät...). Zum Glück ist doch noch um 22.53 eine Straßenbahn Richtung Kralovo Pole gefahren und wir sind eingestiegen (die Frau mit ihrem Hund ist die gleiche Richtung gefahren).
23.01 bin ich dann aus der Straßenbahn raus und Gott sei Dank ist gerade ein Bus gefahren, der direkt zum Bahnhof fährt. Ich bin wie um mein Leben gerannt (leider ist die Haltestelle um die Ecke) und es hat wirklich nicht viel gefehlt, dass ich den Bus geschafft hätte. Aber mein Schutzengel hat mich doch nicht hängen lassen und es ist fast sofort noch ein anderer Bus gekommen (der zwar ganz woanders hinfährt, aber nächste Haltestelle ist noch die gleiche).
Super, alles war gerettet. Ich steige nächste Haltestelle um. Ich bin dort ausgestiegen, aber einsteigen habe ich nicht mehr geschafft. Der Bus hat die Tür (schon das zweite Mal) direkt vor meiner Nase zugemacht und ist weiter gefahren.
Aber wir Sportler (ha ha!) geben nicht auf und ich habe gedacht (eigentlich total unmöglich), dass ich einfach hinterher laufe (hab auch gemacht) und bei der nächsten Haltestelle einsteige (hab schon wieder nicht geschafft - schon das dritte Mal bei diesem Bus). Aber es war ganz knapp und ich hatte auch noch eine starke Motivation, dass ich schnell laufe. Es waren ein paar Jungs (wirklich junge Jungs) dort und die haben gemeint: "Schaut, das schöne Fräulein, wie schnell es rennt." und sie sind mir gleich hinterher. Ich konnte doch nicht zulassen, dass sie mich einholen und feststellen, dass auch Rentner fähig ist, so zu sprinten. Ich enttäusche Menschen sehr ungern.
Aber niemals gebe ich mich so leicht geschlagen! Ich bin weiter gerannt, rechts um die Ecke, wo ich vorhatte, in eine Straßenbahn einzusteigen, die mich endlich zum Bahnhof bringt (23.05). Und es ist auch wie hergezaubert eine Straßenbahn mit der Aufschrift Kralovo Pole Bahnhof gekommen (leider ist unten noch Straßenbahndepot gestanden - was wieder ganz woanders ist). Aber kein Problem, ich konnte trotzdem eine Station mitfahren und dann wollte ich laufen (ach, nicht schon wieder!).
23.08 bin ich, schon total entkräftet aus der Straßenbahn raus und der Gott hat mich noch nicht ganz verlassen - um die nächste Ecke ist ein Bus gestanden, der tatsächlich zum Bahnhof fährt (es war zwar nur noch eine Station, aber ich war schon halb tot) und so bin ich um 23.09 aus dem Bus rausgeflogen (Kanonenkugel ist zu langsam im Vergleich zu mir) und bin zum Bahnhof gerannt.
Atemlos, fast auf allen Vieren war ich um 23.10 auf dem Bahnsteig und der Zug war noch nicht da! (und weitere 5 Minuten auch noch nicht - ist erst um 23.15 gekommen, aber das war mir dann schon egal).

Ich habe es geschafft, diesen Zug noch zu erwischen und ehrlich, die Bezeichnung Weltrekord ist meiner Leistung nicht angemessen. Eher ein Wunder!
Bis jetzt frage ich mich, woher ich die Kraft genommen habe, nicht aufzugeben, auch wenn es mehrmals aussichtslos ausgesehen hat.

Und ich übertreibe wirklich nicht, ich schwör´s!

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